Freitag, 19. Januar 2018

Das STUFENGEBET (11/15)




Die Funktion des Stufengebets im Rahmen der Messe

Nachdem wir die - mitunter etwas verwirrende - geschichtliche Entstehung und Entwicklung des Stufengebets gesehen haben, können wir uns nun daran machen, seine Funktion innerhalb der Vormesse zu klären. Diese läßt sich nur aus der Geschichte heraus richtig deuten.

Die Liturgische Bewegung des letzten Jahrhunderts, die fälschlicherweise von der missa lecta [gelesene  Messe] als Normalform der Messe ausging, während das natürlich die missa cantata [gesungene Messe] ist, betrachtete das Stufengebet als einen Dialog von Priester und Volk, bzw. Priester und Ministrant, wobei der Ministrant als Vertreter des Volkes angesehen wurde. In der im 20. Jahrhundert erfundenen missa dialogata [dialogisierte Messe] betete folgerichtig das Volk im Wechsel mit dem Priester das Stufengebet. Das Volk war zuvor nie an diesem Dialog beteiligt, weil parallel zum Stufengebet der Introitus gesungen wird.

(Martin Reinecke in: Dominus Vobiscum 10, 2015)

Donnerstag, 18. Januar 2018

Das STUFENGEBET (10/15)





Zu dem Confiteor-Ritus kam dann im Mittelalter noch eine Umrahmung hinzu, indem man dem Confiteor verschiedene Versikel unmittelbar vorangestellt hat. Das noch heute übliche Adiutorium  nostrum in nomine Domini erscheint in Italien schon im 11. Jahrhundert an dieser Stelle, außerhalb Italiens anscheinend erst seit dem 15. Jahrhundert.

Auch nach dem Bußakt wurden schon früh eine Reihe Versikel als Überleitung zum Aufer a nobis eingefügt. Sie haben eine ähnliche Funktion wie die Preces vor der Oration im Offizium. Daran erinnert auch verbeugte Körperhaltung. Meist handelt es sich dabei um Versikel, die schon früher beim Hintreten zum Altar gesprochen wurden, wie auch die noch jetzt üblichen Deus tu conversus und Ostende. Schon das Missale der päpstlichen Kapelle um 1290 beschränkt sich auf diese beiden Versikel, während andernorts noch eine Anzahl anderer hinzugefügt sind. Domine, exaudi orationem meam und Dominus vobiscum vor dem Aufer a nobis sind die üblichen Einleitungen einer Oration und stammen aus früher Zeit. Das Aufer a nobis selbst ist das älteste Element des Stufengebets und ist jetzt nurmehr seine Schlußoration. Es  stammt aus alter römischer Tradition  und gehörte der Paschafeier an. Später sprach man es bei der Kirchweihe zum Einzug ins Heiligtum, wo man die Reliquien abholte. Beim Hintritt zum Altar wird es seit dem späten Mittelalter  leise gesprochen, wohl zuerst in England.

Der Trierer Patristiker Michael Fiedrowicz schreibt zusammenfassend:
„Die Entstehung des Stufengebets ist ein anschauliches Beispiel für die organische Entwicklung der Meßliturgie. Aus einem betenden Innehalten bzw. sich Niederwerfen des Papstes bzw. Zelebranten vor dem Altar (7./8. Jahrhundert), einem Bekenntnis der eigenen Unwürdigkeit mit Vergebungsbitte (Apologien: 9. Jahrhundert), dem gemeinsamen Beten von Psalm 42 - neben anderen Akzeßpsalmen - auf dem Weg  zum  Altar (9./10. Jahrhundert), verschiedenen Psalm-Versikeln (12. Jahrhundert), die vom Bußakt zur Oration Aufer a nobis (10. Jahrhundert) überleiteten, ist allmählich jener Bestand an Vorbereitungsgebeten zusammen gewachsen, der mit der Anordnung Papst Pius‘ V., an den Stufen des Altares Psalm 42 zu beten, seine endgültige Gestalt gefunden hat.“

(Martin Reinecke in: Dominus Vobiscum 10, 2015)

Mittwoch, 17. Januar 2018

Das STUFENGEBET (9/15)




Die Ursprünge des Confiteor liegen jedoch nicht in der Messe. Ab dem 9. Jahrhundert sind uns Fassungen überliefert, die bei der sakramentalen Beichte gebraucht wurden. Oft enthielten sie einen langen Sündenkatalog, ähnlich wie in einigen Ländern noch heute traditionellerweise das persönliche Sündenbekenntnis in das Confiteor nach dem mea maxima culpa eingefügt wird. In dieser frühen Zeit stand der standardmäßige Sündenkatalog allerdings noch an Stelle eines detaillierten persönlichen Bekenntnisses. Bald, auch schon im 9. Jahrhundert, kommt ein solches Sündenbekenntnis täglich in Prim und Komplet vor.

Von daher wird nun auch ein Confiteor in die Messe übernommen. Bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts ist der entscheidende Übergang abgeschlossen. In der ersten Zeit gab es dabei vielfach ein Gegenüber von Priester und Diakon, das an das klösterliche, gegenseitige Bekennen erinnert. So sprach in Cluny der Priester das Confiteor vor dem Altar an der Evangelienseite inclinis contra diaconum similiter inclinem [verbeugt zum Diakon, der ebenfalls verbeugt ist]. Ähnlich war es an vielen Orten, so bei den Kartäusern und im Missale von Westminster, während in Sarum Diakon und Subdiakon rechts und links vom Priester stehen und beide antworten. Letztere Form hat sich schließlich durchgesetzt und wurde von Pius V. endgültig bestätigt und festgelegt.

Sofort ist das Confiteor in der Messe mit dem Misereatur verbunden, das auch Nichtgeweihte als  fürbittende Antwort sprechen durften. Auch das Indulgentiam, bzw. oft mit dem zweiten Wort Absolutionem beginnend, wurde von Anfang an in die Messe aufgenommen, das in dieser Zeit und noch mehrere Jahrhunderte lang Ausdruck der priesterlich-sakramentalen Lossprechung ist. Seit kurz  vorher die Gewohnheit aufgekommen war, Bekenntnis und Lossprechung bei der Beichte in ein und derselben Feier abzuhalten, hatte man auch für das in den Klöstern übliche wöchentliche Sündenbekenntnis vor dem geistlichen Vater dem Misereatur die sakramentale Lossprechung Indulgentiam hinzugefügt. Von daher kam es nun auch in die Meßliturgie. Da es sakramentalen Charakter hatte, kam es zunächst nur dem Priester zu, der Diakon, und eventuell der Subdiakon, antwortet nur mit Misereatur. Eine frühe Form des Misereatur, wie es sich im 9./10. Jahrhundert häufig findet, lautet: „Es erbarme sich deiner der allmächtige Gott und lasse dir alle deine Sünden nach, er befreie dich von allem Bösen (Werk), er bewahre dich in allem Guten (Werk) und führe dich (durch die Fürbitte aller Heiligen) zur ewigen Herrlichkeit.“

(Martin Reinecke in: Dominus Vobiscum 10, 2015)

Dienstag, 16. Januar 2018

Das STUFENGEBET (8/15)




Das „Confiteor“
Wie der Psalm Iudica lange Zeit keine einheitliche Ordnung  kannte, so ging es auch dem Confiteor. Ein einheitliches Formular gab es lange Zeit nicht dafür.

Ein Vorläufer der späteren Confiteor-Formeln war die verbreitete Apologie: „Vor dem Angesicht deiner göttlichen Majestät, o Herr, und dieser deiner Heiligen bekenne ich dir, meinem Gott und meinem Schöpfer, durch meine Schuld, denn ich habe gesündigt in Stolz in Haß und Neid, in Begierde und Geiz, in Unzucht und Unreinheit, in Rausch und Trunkenheit, in Lüge und Meineid und in allen Lastern, die aus diesen hervorgehen. Was noch? Durch Sehen, Hören, Geruch, Geschmack und Tasten und durchaus in Gedanken, Worten und Taten bin ich verdorben; deshalb, der du den  Sünder gerechtfertigst, rechtfertige auch mich und laß mich auferstehen vom Tod zum Leben, Herr mein Gott.“

In dieser Apologie spricht der Zelebrant ein ausführliches Bekenntnis seiner Sünden und Fehler vor seinem „Gott und Schöpfer“, in dem auch bereits das spätere mea culpa vorkommt, wobei ein ausführlicher Sündenkatalog erwähnt wird. In den späteren Confiteor-Formeln geht man von diesen Sündenkatalogen weg zu einem allgemeinen Bekenntnis peccavi nimis cogitatione, verbo et opere [daß ich viel gesündigt habe in Gedanken, Worten und  Werken]. Der bedeutendste Unterschied liegt aber darin, daß das Bekenntnis nur vor Gott erfolgt, während in den Confiteor-Formeln die soziale Dimension von Sünde aufscheint. Das Bekenntnis wird vor vobis fratres und den Heiligen abgelegt, die auch um Fürbitte vor Gott gebeten werden.

Diese ursprüngliche und weitverbreitete Apologie führte dann ab der Jahrtausendwende zu den ersten förmlichen Confiteor-Formeln. Eine sehr kurze, frühe Formel war in Cluny um 1080 in Gebrauch:
„Ich bekenne Gott und allen seinen Heiligen und euch, Vater, daß ich gesündigt habe in Gedanken, Worten und Werken, durch meine Schuld. Ich bitte euch, betet für mich.“
Diese neue Form des Sündenbekenntnisses bringt bereits gut zum Ausdruck, was für alle späteren Confiteor-Formeln auch gilt: das Bekenntnis des ersten Teils geschieht vor Gott und der himmlischen Kirche, die Fürbitte im zweiten Teil richtet sich zuerst an die irdische Kirche und, im Bewußtsein der communio sanctorum, an die himmlische.

Schon bald, auch schon im 11. Jahrhundert, waren auch längere Formeln üblich. Sie wurden immer ausgedehnter, so daß das Generalkapitel der Zisterzienser im Jahr 1184 bestimmen mußte, daß vor allen Heiligen die Gottesmutter zu nennen sei: Confiteor Deo et beatae Mariae et omnibus Sanctis.

Im Verlauf des Mittelalters wuchs die Zahl der Heiligen, vor allem im zweiten Teil, immer weiter an. Das Konzil zu Ravenna bestimmte deshalb 1314, außer Maria nur noch Michael, Johannes den Täufer und die Apostel Petrus und Paulus zu nennen, wie wir es noch heute tun.

Auch die Umschreibung und Aufzählung der Sünden wurde immer konkreter. Das Bekenntnis wurde nahezu zu einem Sündenbekenntnis in specie, wie man es mancherorts vom Chorgebet kannte. Dabei wirkten wohl Confiteor-Formeln ein, die für die sakramentale Beichte dienten. Die mittelalterlichen Liturgieerklärer mißbilligen diese Entwicklung, da es sich hier nicht um ein geheimes sondern ein öffentliches Bekenntnis handle.

Von Anfang an wurde das Confiteor tief verbeugt gesprochen, wie diverse Meßordines erwähnen, wenngleich auch das Knien verbreitet gewesen sein muß. Auch das Schlagen an die Brust beim mea culpa wird schon früh erwähnt.

(Martin Reinecke in: Dominus Vobiscum 10, 2015)


Montag, 15. Januar 2018

Das STUFENGEBET (7/15)



Der Psalm Iudica me war noch nicht so verbreitet. Er gehört im späteren Mittelalter zahlreichen Meßordnungen noch nicht an. Deshalb fehlt der Psalm noch heute in den Liturgien der Kartäuser, der beschuhten Karmeliten und der Dominikaner, die ihre Ordnungen im 13. Jahrhundert festgelegt haben und ihn den damaligen Schwankungen entsprechend nicht aufgenommen haben. Jungmann berichtet, daß sogar noch auf der ersten Generalkongregation der Jesuiten 1558 beschlossen wurde, auf den Psalm zu verzichten. Erst das Missale Pius‘ V. machte den Psalm zur allgemeinen Vorschrift, da es sich auf das Missale Curiae stützte, das den Psalm kannte, ebenso wie die meisten italienischen Meßbücher.

Während des ganzen Mittelalters blieb es vorherrschende Regel, den Psalm Iudica me auf dem Weg zum Altar zu beten, wie es schon die oben angeführte Rubrik des 10. Jahrhunderts festgesetzt hatte. „Noch nach dem Missale Pauls III. konnte der Zelebrans ihn laut oder still auf dem Wege zum Altar beten.“ Nur seltene Ausnahmen verlegen ihn bereits eindeutig an die Stufen des Altares, meist dort, wo das Ankleiden oder das Anlegen der Kasel am  Altar geschieht. Daß das Missale Pius‘ V. ihn entgegen der weit verbreiteten Gewohnheit an die Altarstufen verlegt, hat wohl seinen Grund in der Tatsache, daß man dem Psalm ein sorgfältiges Sprechen sichern und ihm mehr Gewicht geben wollte.

Doch auch nach der Kodifizierung durch Pius V. war der Ort des Stufengebets - und damit auch des Psalms 42 - noch nicht überall an den Stufen des Altares. So berichtet Pierre Lebrun noch 1716 über Sonderbräuche im Frankreich seiner Zeit: „die einen machen sie in einer eigenen Kapelle, wie man  sie noch in Tours am Grab des heiligen Martin macht, die anderen im Chor wie in Laon und Chartres, oder am Eingang des Chorraums weit vom Altar wie in Soissons und Châlons-sur-Marne, andere an der linken Seite des Altars beim Eingang, das heißt auf der Evangelienseite, wie in Vienne und bei den  Kartäusern, die den Brauch aus dieser Metropole übernommen haben, andere schließlich in der Sakristei wie in Reims.“

Seit dem 11. Jahrhundert wird dem Psalm die Antiphon Introibo vorangestellt, die später, und bis heute, als Versikel behandelt wird. Die Versikel Adiutorium nostrum erscheint bereits im Meßordo der päpstlichen Kapelle um 1290. Das dem Taufbefehl Jesu entnommene Kreuzzeichen vor dem Psalm ist erst seit dem 14. Jahrhundert vereinzelt nachweisbar.

(Martin Reinecke in: Dominus Vobiscum 10, 2015)


Sonntag, 14. Januar 2018

Das STUFENGEBET (6/15)




Entwicklung des Stufengebets ab dem 10. Jahrhundert

[…]noch vor dem Ende des 10. Jahrhunderts tritt eine neue Ordnung auf, die im rheinischen Meßordo enthalten ist. Ihr sollte die Zukunft gehören, zumal sie auch bedeutend mehr römischem Geist entspricht.

So lautet die entsprechende Rubrik im Pontifikale des Halinardus: „Danach tritt der Bischof in die Kirche ein (...), küßt die Diakone und zwei Priester. Und er beginnt von sich ‚Introibo ad altare Dei‘ mit dem Psalm ‚Iudica me, Deus‘. Wenn er zum Altar kommt, sagt er diese Orationen: ‚Aufer a nobis...‘, ‚Omnipotens sempiterne Deus, qui me peccatorem...‘“

Hier wird also erstmals auf dem Weg zum Altar Psalm 42 gesprochen, dem bei der Ankunft am Altar zwei  Orationen folgen, darunter unser Aufer a nobis. Außerdem gibt es Apologien, die Vorläufer unseres Confiteor darstellen und auf verschiedene Weise einbezogen sind. Wir haben hier zum  ersten Mal die Struktur des späteren Stufengebets, wobei die Stelle des Confiteor noch von Apologien vertreten ist. Ein förmliches Confiteor mit Vergebungsbitte erscheint dann um die Mitte des 11. Jahrhundert in der Normandie15 und auf italienischem Boden.

Diese neue Ordnung der Eröffnung der Messe hat sich auf den Wegen der cluniazensischen Reform bald in Italien und Deutschland ausgebreitet, ohne schon eine einheitliche Fassung zu haben. Es wurde fast überall an den Stufen des Altares ein förmliches Confiteor in irgendeiner Fassung mit der entsprechenden Antwort und die nachfolgende Oration Aufer a nobis gesprochen. Das gehörte seit dem 12. Jahrhundert zur festen Ordnung eines jeden Meßordo.

(Martin Reinecke in: Dominus Vobiscum 10, 2015)

Samstag, 13. Januar 2018

Das STUFENGEBET (5/15)




Wie bereits erwähnt, wurde der Ordo romanus I immer wieder überarbeitet, um die Anweisungen für die päpstliche Liturgie in Rom an die Verhältnisse in anderen Kirchen anzupassen. Eine solche Bearbeitung des Ordo aus dem Frankenreich stellt der Ordo romanus XV, das Capitulare ecclesiastici ordinis aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts dar. Hier wird in der Beschreibung der Stationsmesse das stille Gebet des Papstes zu Beginn wie folgt beschrieben: „Inde praecedit ab altare et, prostrato omni corpore in terram, facit orationem.“ [Darauf geht er zum Altar, wirft sich mit dem gesamten Körper nieder und betet.] Damit wird die Rubrik des Ordo I näher bestimmt und konkretisiert, entgegen der späteren fränkischen Überlieferung, die an dieser Stelle fast nur das verbeugte Stehen an dieser Stelle kennt, wie noch heute beim Confiteor.

Eine Erweiterung dieser Rubrik des Capitulare im Breviarium ecclesiastici ordinis, dem Ordo Romanus XVII, aus dem Ende des 8. Jahrhundert deutet nach Jungmann schon „die Richtung auf das Bußgebet“10 an. Hier wird präzisiert: fundens orationem pro se vel pro peccata populi [er sagt ein Gebet für sich beziehungsweise für die Sünden des Volkes].

Hier haben wir den ersten direkten Hinweis in einem liturgischen Buch darauf, daß am Beginn der Messe ein Gebet für die eigenen und die Sünden des Volkes steht. Jungmann wertet das als einen Hinweis auf die späteren Apologien an dieser Stelle.

[…] Mit dem Bedürfnis, das Gebet pro se vel pro peccata populi näher zu bestimmen, kommen im fränkischen Bereich im 9. bis 11. Jahrhundert an dieser Stelle zahlreiche Apologien auf, „persönliche Schuld- und Unwürdigkeitsbekenntnisse des Zelebranten von meist beträchtlichem Umfang, die sich mit der Bitte um Gottes erbarmende Gnade verbinden.“

Apologien sind eine typisch fränkische Erscheinung und waren dem römischen Geist eher fremd. […]

(Martin Reinecke in: Dominus Vobiscum 10, 2015)